Anja Giesen hilft mit auf dem Milchviehbetrieb ihrer Eltern in Nütheim in der Voreifel. Die Familie bewirtschaftet 160 Hektar Grünland und hält 300 Milchkühe. Berufskollegen, die die Klage der Giesens unterstützen wollen, können dies tun durch eine Spende auf das Konto des Bauernbundes Brandenburg, IBAN DE29 1705 2000 3310 0442 37, Stichwort

Anja Giesen hilft mit auf dem Milchviehbetrieb ihrer Eltern in Nütheim in der Voreifel. Die Familie bewirtschaftet 160 Hektar Grünland und hält 300 Milchkühe. Berufskollegen, die die Klage der Giesens unterstützen wollen, können dies tun durch eine Spende auf das Konto des Bauernbundes Brandenburg, IBAN DE29 1705 2000 3310 0442 37, Stichwort "BHV1-Klage".

Deutschland ist "BHV1-frei" und dieser Status bietet Vorteile im Export von Zuchtrindern. Für die meisten Rinderhalter ist die Krankheit Rinderherpes seit Abschluss der Sanierung 2017 erledigt. Doch immer wieder kommt es zu so genannten "Ausbrüchen" von BHV1, zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen.

Nicht alle "Fälle" kommen an die Öffentlichkeit, die Veterinärbehörden versuchen oft, das Problem diskret zu lösen, aber immer mit demselben Ergebnis: der komplette Rinderbestand des betroffenen Betriebes wird getötet, um den Status zu erhalten. Im Juli diesen Jahres hat es aus heiterem Himmel unseren Betrieb erwischt: Von unseren über 500 Rindern wurden die meisten BHV1-positiv getestet, obwohl wir seit Jahren keine Tiere mehr zugekauft haben. Meine Eltern bewirtschaften einen Milchviehbetrieb in der Voreifel vor den Toren von Aachen mit einem großen, parkartigen Weidesystem direkt am Stall. Mein Bruder wird den Betrieb übernehmen – ich bin zwar Steuerfachangestellte, versorge aber jeden Tag die Kälber und kenne alle Tiere, die auf unserem Hof aufgewachsen sind.

Bei uns dreht sich alles um die Tiere, und als wir die Verfügung des Veterinäramtes bekamen, den kompletten Bestand abschlachten bzw. die tragenden Kühe und Kälber einschläfern zu lassen, waren wir zuerst wie vor den Kopf geschlagen.

Es ist ja nicht nur der wirtschaftliche Verlust – in der Herde steckt die Zuchtarbeit von Jahrzehnten, mit der wir uns ein robustes, genau auf diesem Standort leistungsfähiges Milchrind erarbeitet haben, das kann man sich nicht einfach so auf dem Markt kaufen. Noch dazu zeigen unsere Tiere keinerlei klinische Symptome, sind also alle gesund. Im benachbarten Belgien wird BHV1 nicht bekämpft, da könnten sie ohne Probleme weiterleben. Das alles ist unsinnig und ungerecht!

Wir lieben unsere Tiere und haben beschlossen, um ihr Leben zu kämpfen. Vom Bauernverband kam keine Unterstützung, also suchten wir im Internet nach Gleichgesinnten und stießen auf eine Pressemitteilung des Bauernbundes Brandenburg. Von den Brandenburgern haben wir seitdem sehr viel Rückenstärkung und praktische Unterstützung bekommen.

Was haben wir gemeinsam auf die Beine gestellt? Am Anfang stand der fachliche Austausch mit anderen Betroffenen über die FREIEN BAUERN. Dann wurde uns ein versierter Rechtsanwalt empfohlen, der schon die Tötungsanordnungen wegen BSE erfolgreich bekämpft hat und für uns inzwischen eine sehr überzeugende Klageschrift verfasst hat. Dann ganz viel Pressearbeit: Aufbauend auf der Pressemitteilung des Bauernbundes "Totale BHV1-Freiheit ist eine Illusion" haben wir die Aachener Medien auf unseren Hof eingeladen und damit viele Berichte in Presse, Funk und Fernsehen ausgelöst. Ermutigt von der positiven Resonanz haben wir außerdem eine Facebook-Seite "Diagnose Rinderherpes – wir möchten weiterleben" eingerichtet und eine Online-Petition an die Agrarministerin gestartet mit jetzt schon fast 70.000 Unterzeichnern. Erwähnen möchte ich noch, dass mit uns ein weiterer betroffener Betrieb aus der Region klagt und dass nach mehreren Bestandstötungen im nahe gelegenen Landkreis Heinsberg 2018 die Unzufriedenheit unter den Berufskollegen mit der kompromisslosen Vorgehensweise des Veterinäramtes groß ist.

Nachdem ich mich – nicht ganz freiwillig – intensiv mit Rinderherpes auseinandergesetzt habe, bin zu folgenden Ergebnissen gekommen:

1.) BHV1 ist keine klassische Seuche, die bedingungslos bekämpft werden muss. Für den Verbraucher ist das Vorhandensein des Virus gänzlich ungefährlich, Milch und Fleisch können bedenkenlos weiter verzehrt werden. Für den Landwirt gibt es nur selten Probleme mit BHV1, da die Krankheit in den allermeisten Fällen nicht zum Ausbruch kommt. Ist das Virus nur latent vorhanden, wie bei uns, so zeigt das an, dass das Rind von sich aus Antikörper bildet. Kommt die Krankheit zum Ausbruch, kann sie durchaus erhebliche wirtschaftliche Schäden anrichten, aber auch diese lassen sich durch entsprechende Behandlung abmildern.

2.) BHV1-Freiheit ist für jeden einzelnen Betrieb deshalb schon ein erstrebenswertes Ziel, aber diesem muss nicht alles andere untergeordnet werden. Vor allem ist die totale BHV1-Freiheit für unser ganzes Land eine Illusion, wie die zahlreichen seit 2017 neu aufgetretenen Fälle beweisen. Die Natur, mit der wir Landwirte arbeiten, ist nicht keimfrei. Auf Krankheiten sollten wir angemessen, das heißt je nach Art und Schwere der Krankheit unterschiedlich reagieren. Die zwangsweise Massentötung von klinisch gesunden Rindern aufgrund eines latent vorhandenen Virus, das nicht zum Ausbruch kommen muss, halte ich für absolut unangemessen, sie greift unverhältnismäßig in unser Eigentum ein und sie widerspricht auch dem Tierschutzgedanken, nach dem Tiere nicht ohne vernünftigen Grund getötet werden dürfen.

3.) Die BHV1-Verordnung in ihrer heute gültigen Form ist daher grundsätzlich in Frage zu stellen. Nachdem in der Vergangenheit Unsummen an Steuergeldern und bäuerlichen Versicherungsbeiträgen in den erfolglosen Versuch versenkt wurden, totale BHV1-Freiheit herzustellen, ist es an der Zeit, zu einem angemessenen Umgang mit dieser Krankheit zurückzufinden. Und selbst innerhalb der Logik der BHV1-Verordnung könnten Möglichkeiten geschaffen werden, die den betroffenen Betrieben die zwangsweise Massentötung ersparen. Warum erlaubt man uns nicht, etwa über eine unbefristete Quarantäne mit zum Beispiel Einschränkungen im Viehverkauf und Auflagen für die Weidesicherheit, die Herde aus dem Bestand heraus zu sanieren? Nichts anderes ist ja in den Jahren vor 2017 geschehen, als wir den Status noch nicht hatten.

Sicher kann man den Amtstierärzten keinen Vorwurf machen, wenn sie die Regelungen aus der BHV1-Verordnung 1:1 exekutieren. Letztlich tun sie nur ihre Pflicht. Aber sollte man von hochqualifizierten Fachleuten, die ihre Ausbildung der Gesellschaft verdanken, nicht erwarten können, dass sie auch Verantwortung wahrnehmen und Fehlentwicklungen zu korrigieren versuchen? Die Veterinärverwaltung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auf unseren Höfen ganz schön breit gemacht unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes und des Tierwohls und mit immer neuen Sanierungsprogrammen. Wir dürfen uns nicht mehr alles gefallen lassen.